ERÖFFNUNGSREDE
Marina Gallastegui, Kunsthistorikerin
"Wirken lassen"
*Liebe Gäste, liebe Freunde, es ist für mich eine
große Freude heute in der Galerie Viktoria B die Arbeiten
von Judith Breuer vorzustellen.
Bei Judith Breuer dreht sich alles um Malerei. Ihre Bilder,
voll von Farben und Vorstellungskraft sind geprägt von
einer enormen Energie und Dynamik bei der sie niemals aufgibt.
Judith Breuer interessiert sich für Menschen. In den
letzten Jahren malt sie Gesichter aus dem Senegal. Sie entdeckt
in ihnen Landschaften, mal herb oder zart, trocken oder luftig,
jung, alt, nachdenklich, stolz. In ihren Bildern reflektiert
sie die Kraft, die die Menschen ausstrahlen.
Der Senegal voller Kontraste und Widersprüche, so traditionell
wie modern, so voller Höhen und Tiefen. Die Menschen hier
bewegen sich mit Kraft, Anmut und Ausdauer mit einer Energie,
die ganz von Herzen kommt, in einem vom Klima und Tradition
diktierten Tempo.Im Senegal hat die Zeit eine andere Bedeutung,
es gibt Prioritäten, die Familie ist der bestimmende Faktor
im Leben der Menschen
Was uns als erstes auffällt ist der besondere Umgang
mit der Farbe. Auf ihren Gemälden findet man die Präzision,
mit der sie aus einem Farbfleck die Konturen eines Gesichtes
oder eines Körpers herausarbeitet, die innere Bewegung,
mit der sie die Farbe einsetzt, die Disziplin, mit der sie
jede überflüssige Geste vermeidet.
Die emotionale Wirkung der Farben sowie die reduzierte Ausdrucksform
treffen sich mit einem Interesse an der Betonung der Oberfläche.
Es ist so, dass reduzierte Farben auf die Gefühle um so
stärker wirken können, je klarer sie sind. Die Malerin
aber ist fähig, sie zum Tönen zu bringen, so wie
sie es braucht.
Sie bentutzt gegeneinander gesetzte Farben wie intensives
Blaugrün und Rosa auf orangenem Hintergrund. Diese vielfältigen
Effekte sind bei der Bilderreihe >>La Famille<< zu
sehen, hier bekommt jedes Bild, jedes einzelne Gesicht einen
anderen Ausdruck und Betonung dank der verschiedenen Farben.
>>La Famille<< stellt Alltagszenen aus dem Senegal
dar, der Alltag hat mit Begegnung zu tun. Ihre Gesichter vermitteln
Stimmungen und zeigen Persönlichkeit. Auf der Entdeckungsreise
Malerei begegnet sie ihrer senegalesischen Verwandtschaft,
sie taucht ein in diese Landschaften mit deren Lebendigkeit
und Lebensfarben, die sie in malerische Farben umwandelt. Bei
diesen Szenen spielt auch die Kleidung durch ihre Farbigkeit
und Liebe zum Detail eine Hauptrolle.
Bei der Serie >>Jumeaux<< variieren die Komposition
und deren Motive kaum. Trotzdem besitzt jedes Bild eine andere
Atmosphäre und vermittelt ein anderes Gefühl. Sie
zeigen uns zwei sich ergänzende Seelen. Bei den Porträts “Jumeaux”.(Zwillinge)
führt die Reduktion der Form bis hin zur Abstraktion zur
Betonung des Ausdrucks der Gesichtzüge. Menschliche Gesichter
sind wie Landschaften, sie erzählen aus ihre Vergangenheit,
man spürt Verwandtschaften und seelische „Qualitäten“.
Dabei wird der Kontrast durch den weißen Hintergrund
betont. Die Künstlerin holt die Tiefen des Unterbewussten
und der ganz besonderen Seelenzustände der von ihr bemalten
Gestalten an die Oberfläche.
Die spannernste Entdeckung sind die Menschen, wie sie sich
in ihrer Landschaft integrieren.
Ihre Maltechnik ist folgende: Ihre Bilder bearbeitet sie auf
Holz oder Leinwand. Sie klebt in Leinöl getränktes
handgeschöpftes Papier auf, was sie mit den unterschiedlichsten
Material wie Tempera, Kreiden, Ölfarbe bemalt, ihre
Bilder werden in vielen Schichten bearbeitet. Es handelt
sich um Übermalungen. Übermalungen sind so alt
wie die Malerei selbst. Früher hatten Übermalungen
praktische Gründe, zum Beispiel um mit teurem Material
sparsam umzugehen. Erst die Moderne Kunst hat die Übermalungen
als ästhetischen Reiz erfunden und die Motive in mehreren, übereinander
liegenden Schichten gestaltet. Sie verarbeitet viele Schichten
Papier, bis sich Qualität und Ausdruck vereinen. Aus
dieser Übermalung entsteht eine Spannung: eine Begegnung
zwischen Erlebnis und Malerei.
Ich möchte noch etwas zum Titel der Ausstellung >>Wirken
lassen<< sagen:
Wenn wir ein Kunstwerk anschauen, wird jeder etwas anderes sehen und auch ein
anderes Erlebnis haben. Bei der Ausstellung >>Wirken-lassen<< geht
es darum, dass jeder einzelne ganz individuelle Erfahrungen macht.
Kann man sich den Bildern annähern und sie so wahrnehmen wie sie sind?
Oder geht man durch die Ausstellung und lässt die Bilder einfach auf sich
wirken? Oder lässt man die Menschen und die Bilder ohne Interpretation
und Deutung wirken?.
Die Menschen, die Judith Breuer mit dem präzisen Instrument der Malerei
zeigt, sind nicht auf politische, religiöse, soziale und kulturelle Zuordnung
festgelegt. Bei den Bildern geht es um das Wesentliche, um menschliche Beziehungen.
Ihre individuelle Art zu malen macht die Figuren zu Unikaten. Die Körper,
die von der Spannung zwischen Abstraktion und Figuration leben, finden jedoch
auf ihre sehr persönliche Weise durch den Ausdruck der Bewegung eine sichtbare
Grazie.
Judith Breuers ist eine Malerin und ihre Malerei ist für
sie selber eine Tatsache , die nicht anders formuliert werden
kann. Es gibt einige – sehr wenige – Kunstwerke,
denen begegnet man und danach sieht man alle Kunst mit anderen
Augen.
Judith Breuer Werk hat diese Kraft, gerade weil ihre Gemälde
uns so offen, so scheinbar direkt und klar Kinder, Frauen und
Männer zeigen.
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